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Törnberichte Wie der Name schon sagt. Keine Antwortmöglichkeit!

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Alt 26.03.2002, 21:29
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ventum ventum ist offline
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Standard Segelyacht ANITA~Cowes-Glückstadt~ventum~August-Sept. 01

Unser Zwölfer in Cowes, dem Segelmekka, und dann auch noch in guter Gesellschaft anderer Traditionals auf dem 150-jährigen AmericasCup-Jubilee; Grund genug, schon Tage vorher mit Spannung auf das Geschehen auf der Isle of Whight zu blicken und x-mal die entsprechende Homepage anzuklicken... Und endlich sitzen wir im Flieger, dann in der Highspeedfähre und landen des abends in Cowes-West. Wo ist das Schiff? Ungewohnt, sich nicht mehr an dem höchsten Mast im Hafen orientieren zu können...
Unser Schiff liegt inmitten anderer Sechzig- bis Siebzigfüsser in einer Box; ein überwältigend imposanter Anblick, soviel Seglertradition versammelt zu sehen. Darauf ein Ale in einer urigen Hafenkneipe, aber leider nur ein kurzes Vergnügen bis zu den "last orders, gentleman", es gibt eben auch weniger erfreuliche Traditionen.
Zwei Tage später bugsieren wir unsere motorlose alte Dame mittels Schlauchboot und Aussenborder sowie Crewhilfe von Land aus durch den Dschungel der anderen Schiffe aus dem engen Hafenbecken heraus, und auf dem Steg bleiben zwei Crewmitglieder zurück, während unser "Radiergummi" die Anita Richtung Solent davonschleppt. Quälende Minuten vergehen, bis unser Tender wieder auftaucht, um uns Verbliebene an Bord unserer Yawl zu holen. Im Solent steht zu dieser Zeit trotz lediglich 3-4 bft eine kabbelige, vom Strom angetriebene See, die es nicht ganz einfach macht, aus dem Schlauchboot auf die Anita zu entern, trocken sowieso nicht!
Unser erster Zielhafen ist Cherbourg. In der Spätnachmittagssonne passieren wir an der Westecke der Isle of Whight die Needles, die atemberaubend schön im Dunst ein ideales Fotomotiv abgeben. Fahrtensegeln at it's Best!
Die Kanalquerung ist unproblematisch- so finden es zumindest 8 Leute an Bord. 2 von uns kämpfen intensiv mit den Schiffsbewegungen in der langen, vom Atlantik heranlaufenden Dünung und haben leider keinen Blick für das Sternenzelt über uns, das man so wohl nur auf See erleben kann...
Wir erreichen Cherbourg bereits gegen 4 Uhr morgens. Der alte Hafen lässt noch viel Seefahrtsgeschichte erahnen... das riesige Vorhafenbecken mit den Befestigungen aus alten Tagen und der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die grossen Abfertigungsgebäude der Nordatlantikliner...
Im Haupthafenbecken befinden sich auch die meisten Liegeplätze für Sportboote und es scheinen ausreichend freie Boxen zur Verfügung zu stehen. Wir legen uns an einen Schwimmsteg vor dem Sportboothafen und müssen , um an Land zu kommen, unseren Tender als Wassertaxi einsetzen. Genussvolles Duschen in relativ neuen Sanitärgebäuden unmittelbar am Yachthafen!
Die Stadt lohnt einen Bummel, es gibt zum Beispiel eine Menge interessanter Architektur aus allen Epochen zu entdecken. Von C. aus sind ebenso interessante Landausflüge möglich...für uns sicher beim nächsten Mal...
Nächster Halt Dünkirchen. In der Nacht geht es quer über die Seinebucht. Fischer gibt es reichlich, umso sparsamer und manchmal verwirrend ist deren Beleuchtung ("Vergessen Sie alles, was Sie mal über die Lichter von Fischereifahrzeugen gelernt haben!"). Gut, wenn man da Radar an Bord hat und damit umgehen kann.
Die Strasse von Dover passieren mit einem Abstand zum Hafen von Calais von etwa 2-3 sm, trotz des starken, auch querlaufenden Schiffsverkehrs kein Problem.
Dünkirchen wäre nicht unbedingt eine Reise wert, es sei denn, man liebt fangfrischen Fisch über alles. Den gibt's direkt am Hafenbecken, in der Nacht fast vor Ort gefangen. Die Stadt ist dagegen eher unspektakulär und in einem halben Tag erlaufen. Wir liegen aufgrund der Schiffsgrösse im Berufshafenbecken, ca. einen halben Kilometer von der Stadt entfernt. Immerhin gibt es dort vertrauenerweckende Duschmöglichkeiten sowie Landstrom und Wasseranschluss, jede weitergehende Versorgung erfordert allerdings Kondition oder Bordfahrrad.
Ostende verspricht (und hält!) da schon mehr. In wenigen Stunden erreicht und ausgeprägte Vorfreude auf belgisches Bier...
Nach dem Hafenplan kommt für uns der Montgomeryhafen in Betracht, direkt an der Altstadt gelegen und ausreichend tief - dachten wir! Alles hätte gepasst: Steglänge, Tiefgang, Tide, ja, wenn dort der Schlick nicht gewesen wäre!
Unmittelbar vor der Einfahrt legen Hochgeschwindigkeitsfähren an, und die schaufeln mit ihren Bugstrahlern den Hafengrund in die Einfahrt. Und plötzlich parkt so Anita 2 m vor dem Steg im Modder ein, sehr sanft und mit Tausenden von Faulgasblasen um uns herum... Zur Gaudi der anderen Sportbootfahrer 3 Stunden Zwangspause am Rande der Einfahrt, bis dann unser Zwölfer bei steigendem Wasser an den Steg verholt werden kann.
Kein belgisches Bier mehr an diesem Abend. Die Stadt muss bis zum nächsten Tag warten, aber das lohnt sich. Ostende hat sich in den letzten Jahren ganz offensichtlich mächtig verschönert und hat wieder viel von dem ursprünglichen Charme des alten Seebades zurückgewonnen... unbedingt eine Reise wert!
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Alt 27.03.2002, 09:53
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(Teil 2)
In Ostende kann man/frau es sich richtig gutgehen lassen! Nette Kneipen aller Art, freundliche, aufgeschlossene Leute und wer mag, ein umfassendes kulturelles Angebot. Se(e)(h)leute sollten sich den am Hafen als maritimes Museum aufgestellten Trawler nicht entgehen lassen!
Aber wir hatten ja einen festen Termin, um unser Schiff in Glückstadt in die Obhut des Winterlagers zurückzugeben. Also weiter...
Wir bleiben auch vor der niederländischen Küste in der Küstenverkehrszone, aber in etwa jenseits der 10 m Linie. Schon seit Dünkirchen ist es vorbei mit dem eher ruhigen Wetter. Ein Tiefausläufer nach dem anderen sorgt für etwas anspruchsvolleres Segeln mit Winden um West und Windstärken von um die 6 bft. Keine Meile mehr ohne Bullenstander, Lifebelts auch tagsüber.
Ijmuiden wird als nächster "Duschhafen" vorgesehen. Auch nur wieder ein kurzer Trip bei einer Fahrt von durchschnittlich 8,5 kn. Trotz neuester Seekarten (Admirality chards) und der aktuellsten Revierinformationen eine unangenehme Überraschung: Nach der Karte im Gebiet vor Hoek van Holland nur einige klar definierte Tonnen am Tiefwasserweg nach Rotterdam. Nachts. Radar bei guter Sicht zum Stromsparen im standby-modus. Und plötzlich unmittelbar voraus gelbe Tonnen in der Grösse von PKWs! Zick-Zackkurs nach Zuruf des Ausgucks, wie auf einer Slalombahn. Drei Tonnen sehen wir und weichen mit gesetztem Bullenstander und hoher Fahrt aus... überflüssig zu erwähnen, dass die Tonnen nicht beleuchtet sind! Auf unsere Frage an einen holländischen Schlepperkäpten, einige Tage später, antwortet dieser lakonisch, dass die Tatsache, dass diese Tonnen nicht verzeichnet seien, bekannt sei... das sei nun mal so...
In den Sportboothafen von Ijmuiden können wir wegen der Boatshow nicht einlaufen. So manövrieren wir uns unter Segel, hierbei teilweise die 30 to auch rückwärts mit backem Besan segelnd, längseits an einen Rahsegler, bis dessen angetrunken eintreffender Eigner uns trotz Protest einfach loswirft und wir nur mit Mühe das zunächst hilflos treibende, weil ja motorlose Schiff an einen anderen Liegeplatz in der Nähe verholen können. Leute gibt's...
Schon am nächsten Tag verlassen wir diesen ungastlichen Ort, Kurs deutsche Küste. So jedenfalls planen wir, Rasmus hatte anderes mit uns vor.
Kurz nach Verlassen des Hafens brist es innerhalb weniger Minuten von 6 auf 9 bft auf, kurz danach wohl auf gute 10, die Boen nicht berücksichtigt. Da geht in dem noch eher flachen Wasser vor der holländischen Küste die Post ab! Unser Radareflektor am Grossmast wird einfach abgerissen und segelt ca 30 m vom Schiff entfernt in Lee ins Wasser. Bei diesen Wellenhöhen und unter der kleinen Fock ist an einen Amwindkurs Richtung friesische Inseln nicht zu denken und wir laufen Richtung Hoek van Holland ab, bei steiler See mit Wellenhöhen um 6 m - oder war es mehr? Und wo kam der Sturm so plötzlich her? Es hatte sich "unangemeldet" ein kleiner, aber intensiver Trog gebildet... Und dabei war der Luftdruck nach Frontdurchgang zunächst deutlich gestiegen.

Anita und Crew halten sich gut und recht schnell sind wir im Nieuwe Waterweg vor Rotterdam, am Haken eines einbestellten Schleppers und schliesslich in Maassluis fest. Unsere Bilanz sieht noch recht gut aus, nur wenige Prellungen, ein verlorener Radarreflektor und 2 gebrochene, weil hölzerne Blöcke (Fockschot). Notreparatur auf See mittels Tampen, durch die die Fockschot ersatzweise geführt wird; dabei scheidet danach natürlich ein sauberes Dichtholen der Fock aus.
Maassluis ist ein kleinwenig "Bilderbuchholland". Probierts mal aus, zwar kein eigentlicher Sportboothafen, aber gute Liegemöglichkeiten trotz Tide aussen vor der Schleuse. Ein nahegelegener Fitnessclub bietet Abwechslung und herausragende Möglichkeiten für die Körperpflege.
Der Rest des Törns ist schnell geschildert.
Als wir mit ausgetauschten Blöcken wieder seeklar sind, segeln wir nonstop wiederum durch die Küstenverkehrszone nach Helgoland durch. Überlegungen, Den Helder oder Borkum anzulaufen, verwerfen wir angesichts des rauhen Wetters.
Auf Helgo Entspannung pur! Man kennt Anita dort und so werden wir mehr als gastlich von unserer Agentin Gundi (Gaststätte "Düne Süd") in Empfang genommen. Wir wollen eigentlich garnicht mehr weg vom Fuselfelsen, und 2 Tage spielt auch das Wetter mit und "zwingt" uns, im Hafen zu bleiben. Es hätte ruhig noch länger stürmen können...
Bei weiterhin strammen Westwinden segeln wir schliesslich die vergleichsweise kurze Strecke an Cuxhaven vorbei die Elbe hinauf nach Glückstadt. 762 sm liegen hinter uns.

Brutal und bedrückend geht der Törn zu Ende... es ist der 11. September 2001...

Helmut
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